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aus dem Eventrecht

Verantwortung des Künstlers für Besucher-Randale?

Von Thomas Waetke 3. September 2014

Bei einem Konzert in Sindelfingen (Ba-Wü) hat es in der Nacht auf Montag unter den ca. 500 anwesenden Fans Randale gegeben, weil der Sänger offenbar nicht pünktlich auf der Bühne erschien. Dabei wurden 8 Personen verletzt, unter ihnen ein Security und ein Sanitäter. Die Polizei war mit 36 Beamten im Einsatz. Letztlich musste das Konzert dann ohnehin abgesagt werden, da bei den Tumulten die Musikanlage zerstört wurde. Müsste der Künstler nun diesen Schaden bezahlen?

Anmerkung von Rechtsanwalt Thomas Waetke

Der gebuchte Künstler ist zunächst verpflichtet, pünktlich aufzutreten. Kommt er zu spät, hat der Veranstalter grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten:

  • Er kann vom Vertrag zurücktreten.
  • Er kann die Gage kürzen, jedenfalls um den Teil, den der Künstler letztlich nicht gespielt hat.
  • Er kann vom Künstler Schadenersatz verlangen (§ 280 BGB), wenn bspw. Besucher wieder gegangen sind und ihr Eintrittsgeld zurückgefordert haben. Dies ist jedenfalls dann möglich, wenn der Künstler schuldhaft (fahrlässig oder vorsätzlich) zu spät gekommen ist.

Fraglich ist, ob der Veranstalter vom Künstler auch dann Schadenersatz verlangen kann, wenn die wartenden Besucher das Mobiliar und die Musikanlage zerstören.

Auch hier müsste der Künstler zunächst fahrlässig oder vorsätzlich das Zuspätkommen zu vertreten haben. Bspw. müsste er zu spät losgefahren sein, oder sich in der Garderobe sinnlos betrunken haben oder eingeschlafen sein.

Problematisch ist aber die sog. Kausalität: Die Pflichtverletzung (Zuspätkommen) muss ursächlich sein für den Schaden (Mobiliar und Musikanlage zerstört). Natürlich kann man fast immer eine Ursächlichkeit bejahen, allerdings würde man dann das Haftungsrisikos immens und unkalkulierbar ausdehnen.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ein Autofahrer verursacht einen Stau auf der Autobahn, weil er einen Unfall verursacht. Es entsteht ein Stau von 10 km Länge auf einer dreispurigen Autobahn. Dies entspricht ca. 4.000 Autofahrern, die im Stau stehen. Unterstellt, unter diesen befinden sich 200, die ihr Flugzeug oder ihren Zug verpassen, 100, die zu spät zu einem Termin kommen und alle haben einen höheren Spritverbrauch. In einem Auto kommt es zwischen Ehemann und Ehefrau zum Streit, es folgt eine Scheidung. Alle wollen nun Schadenersatz vom Unfallverursacher – denn ohne ihn wären sie ja nicht im Stau gestanden und pünktlich am Flughafen, Bahnhof, beim Termin oder wären noch glücklich verheiratet.

Auch hier ist der Unfall kausal für den Schaden – allerdings begrenzt man hier vernünftigerweise die Kausalität und sagt, irgendwo muss es Schluss sein mit Ursächlichkeit: Denn sonst könnte man auch Mama und Papa, Großmutter und Großvater usw. in die Verantwortung ziehen, da die verantwortlich für den Autofahrer sind…

In der Rechtswissenschaft bemüht man für solche Fälle das allgemeine Lebensrisiko: Der Schädiger soll solche Schäden nicht ersetzen müssen, die eine Verwirklichung des allgemeinen Lebensrisikos sind. Es muss sich also eine Gefahr realisieren, die die vom Schädiger übertretene Norm gerade vermeiden sollte. Der Schädiger soll nicht verantwortlich sein, die Gefahr nicht über das hinausgeht, was im Alltag ohnehin an Gefahren hingenommen werden muss.

Mit Blick auf die Randale beim Konzert stellt sich daher die Frage, ob der Künstler dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass aufgrund seines Zuspätkommens Besucher randalieren und dabei Equipment zerstören.

Solange keine besonderen Umstände hinzutreten (bspw. weil der Künstler die Besucher angestachelt bzw. beleidigt hat), würde ich daher hier eine Kausalität verneinen mit der Folge, dass der Künstler hier m.E. keinen Schadenersatz – in Bezug auf das zerstörte Material – zahlen müsste.