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aus dem Eventrecht
Tausende Maßkrüge verschwunden

Tausende Maßkrüge verschwunden

Von Thomas Waetke 3. Oktober 2010

Auf dem Oktoberfest in München haben die Festwirte jede Jahr einen immensen Verlust von Maßkrügen festzustellen. Die Festwirte schätzen den Verlust auf mehrere Zehntausend pro Jahr, die teilweise zerstört sind oder als Souvenir mit nach Hause genommen werden.

Man muss zwischen Eigentümer und Besitzer unterscheiden:

  1. Eigentümer ist derjenige, der über die Sache verfügen darf: Er darf sie verkaufen, er darf sie zerstören.
  2. Besitzer ist derjenige, der die Sache gerade in der Hand hat.

Besitzer können sein:

  • Der Dieb; er ist allerdings ein unrechtmäßiger Besitzer, von dem der Eigentümer die Sache heraus verlangen kann (siehe § 985 BGB).
  • Der Mieter, der die Location gemietet und den Schlüssel ausgehändigt erhalten hat. Er ist rechtmäßiger Besitzer, der Eigentümer der Halle kann sein Eigentum während des Mietverhältnisses nicht wieder zurückverlangen (siehe § 986 Absatz 1 BGB).
  • Der Mieter, der den Schlüssel noch nicht zurückgegeben hat. Wenn das Mietverhältnis beendet ist, kann der Eigentümer nun den Besitz – und damit auch den Schlüssel – zurückverlangen.

Wenn nun ein Oktoberfest-Besucher ein Bier bestellt, dann bekommt er einen Maßkrug dazu. Zwar wird nicht ausdrücklich zwischen dem Festwirt (vertreten durch die Bedienung) und dem Besucher vereinbart, was mit dem Maßkrug geschieht. Jedoch ergeben die Umstände und die Lebenserfahrung, dass der Festwirt immer noch Eigentümer bleibt und der Besucher lediglich Besitzer wird. Diese vertragliche Vereinbarung, die nicht ausdrücklich erfolgt ist, nennt man „stillschweigend„: Ohne es ausdrücklich besprochen zu haben, ist aber beiden Parteien klar, dass der Krug nach Gebrauch wieder zurückzugeben ist – zumindest für den Durchschnittsverbraucher und Durchschnittsfestwirt, auf deren Maßstab es aber im Zivilrecht ankommt.

Ob bezüglich des Bierkruges ein Mietvertrag oder ein Leihvertrag geschlossen wird, ist letztendlich egal: In beiden Fällen muss der Krug wieder zurückgegeben werden, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Wer den Krug also mit nach Hause nimmt, begeht einen Diebstahl (§ 242 Strafgesetzbuch, kurz: StGB) oder eine Unterschlagung (§ 246 StGB).

Wer den Krug absichtlich oder fahrlässig zerstört, muss ihn bezahlen (siehe § 823 Absatz 1 BGB); in der Praxis verzichtet der Gastronom aber regelmäßig auf diesen Schadenersatzanspruch.

Apropos „stillschweigend“: In der Praxis wird gerne übersehen, dass Verträge nicht nur mündlich oder schriftlich zustande kommen können, sondern eben auch stillschweigen bzw. „konkludent“. Hier verbirgt sich ein gewisses Risiko, da später Streit vorprogrammiert ist, wer was wie gemeint hat.

Vorausgesetzt, Sie wissen, dass Sie einen Vertrag schließen, dann sorgen Sie für klare und unmissverständliche Absprachen. Wenn Sie einen Vertrag oder einzelne Vereinbarungen selbst formulieren, lesen Sie das eben Geschriebene einmal aus Sicht des Vertragspartners: Versteht er – egal ob böswillig oder gutwillig – alles genauso wie Sie?

Verträge schließt man zum vertragen – am Anfang redet man noch vernünftig miteinander, daher sollte hier der Vertrag ausdrücklich geschlossen werden. Kommt es einmal zum Streit, ist es zu spät für klare Absprachen. Die Investitionen in Zeitaufwand und Kostenaufwand vor Vertragsschluss in genaue Formulierungen rentiert sich oft und schnell.

Einen Vertrag schriftlich schließen zu wollen, hat nichts mit Misstrauen zu tun, sondern mit Weitblick und Vernunft. Die Zeiten, in denen ein Wort und ein Handschlag noch etwas wert waren, sind großteils leider vorbei.

 

Urheberangabe für das/die Foto(s) (Symbolfoto):

  • Anstoßen mit Bierkrügen: © Jürgen Fälchle - Fotolia.com