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Schweizer Wissenschaftler: Massenpanik nicht Ursache des Loveparade-Unglücks

Von Thomas Waetke 25. Juni 2012

Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich haben unabhängig von den deutschen Ermittlungsbehörden das Unglück auf der Loveparade 2010 in Dusiburg untersucht, bei dem 21 Menschen getötet und mehr als 500 zum Teil schwer verletzt wurden. Dabei griffen sie auf öffentlich zugängliches Datenmaterial zurück, bspw. Videos auf Youtube.

Ihren Untersuchungen zufolge basiert das Unglück nicht auf einer Massenpanik. Das Besucherverhalten sei nicht von Panik getrieben gewesen, und „überwiegend kontrolliert“, so die Wissenschaftler um Dirk Helbing, Professor für Soziologie an der ETH. Helbing hat sich auf Fußgänger- und Verkehrsströme spezialisiert und gemeinsam mit Pratik Mukerji über 500 Videos ausgewertet; das Ergebnis wurde heute in einer Studie veröffentlicht.

Ursache sei vielmehr eine Art Dominoeffekt, da im Eingangsbereich die Besucherdichte zu hoch gewesen sei: Stolpert einer, stolpern mehrere danach. Es wären keine Anzeichen von Panik zu sehen gewesen, ebenso wenig bspw. Rücksichtslosigkeit der Besucher. Die schweizer Wissenschaftler bezeichnen solch ein Verhalten mit „Massenturbulenz“ oder „Massenbeben“.

Menschenansammlungen können irgendwann so verdichtet sein, dass darin tödliche Kräfte wirken. „Bei einer Belegung von etwa sieben Personen pro Quadratmeter wird die Menschenmenge praktisch zur flüssigen Masse“, so eine Feststellung in der Studie. Wenn durch diese Masse „Schockwellen“ liefen, seien die Kräfte darin immens und der Einzelne quasi schutzlos diesen Kräften ausgeliefert.

„Die Ursache der meisten Katastrophen mit Menschenmassen ist in der Physik zu suchen und nicht in der Psychologie“, so Helbing.

Helbing mahnt: Ein solches Unglück mit „Massenpanik“ zu begründen, schiebe der Masse eine gewisse Mitschuld zu. „Dies erschwert es, aus den Ereignissen Lehren zu ziehen, dank der die Sicherheit künftiger Massenveranstaltungen erhöht werden könnte“, so Helbing.

Außerdem verwirft der Wissenschaftler eine weit verbreitete Theorie: Die Masse soll nicht informiert werden, um Panik zu vermeiden. Nach Ansicht der schweizer Wissenschaftler könne aber die Kommunikation mit der Masse ein wesentlicher Baustein für die Deeskalation sein.