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aus dem Eventrecht

Loveparade: Immer heftigere Vorwürfe gegen Stadt und Veranstalter

Von Thomas Waetke 25. Juli 2010

Die Vorwürfe gegen die Stadt Duisburg und die Veranstalter mehren sich und werden auch in der Tonart immer heftiger.

Der Chef der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt wird von bild.de zitiert: „Wir haben schon vor einem Jahr gewarnt: Duisburg ist kein geeigneter Ort für die Loveparade. Die Stadt ist zu eng, zu klein, um den Menschenmassen Herr zu werden.“

Das Sicherheitskonzept der Duisburger Polizei sei der Stadt zwar vorgelegt worden, hätte jedoch keine Beachtung gefunden. Das Polizei-Konzept hätte weit aus mehr Personalkosten verursacht.

„Der Druck auf Oberbürgermeister war offenbar zu groß. Er wollte wohl nicht als Spaßbremse verschrien werden“, so Wendt bei Bild.de. Ihn selbst habe man wegen seiner Bedenken angefeindet, ihn als Partybremse bezeichnet. „Es gibt immer jemanden der sagt: Ach, das wird schon gehen.“ Und weiter: „Es gibt bei diesen Großveranstaltungen immer eine kaum berechenbare Größe, und das sei das irrationale Verhalten der Teilnehmer“, so Wendt. Gerade wenn Alkohol und Drogen im Spiel seien. Das müsse man aber bei den Sicherheitsvorkehrungen einrechnen. Geschehen sei das hier offenbar nicht.

Lesen Sie den ganzen Artikel bei bild.de hier.

Die ersten Strafanzeigen sind offenbar bereits bei der Staatsanwaltschaft Duisburg eingegangen. Nach Bild-Informationen will auch Bochums ehemaliger Polizeipräsident Thomas Wenner Anzeige gegen den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg und die Veranstalter einrechen.

Der OB der Stadt Duisburg, Adolf Sauerland, hat dagegen das Sicherheitskonzept als „stichhaltig“ verteidigt. Er sieht die Schuld „wahrscheinlich“ bei den Besuchern; es hätte nicht damit gerechnet werden müssen, dass Besucher versuchen würden, die Seitenwände des Tunnels und der Böschungen hochzuklettern – und von dort abzustürzen. Dies wird derzeit als Hauptauslöser für die Panik gesehen.

Auch der Panikforscher Michael Schreckenberg, der das Sicherheitskonzept der Loveparade geprüft hatte, äußerte sich zwischenzeitlich gegenüber Bild.de: Nach dem Unglück mit 19 Toten auf der Loveparade in Duisburg sieht Forscher Michael Schreckenberg Anzeichen für Versäumnisse bei der Umsetzung des Sicherheitskonzepts. Die Infrastruktur am Bahnhof und auf dem Veranstaltungsgelände am alten Güterbahnhof seien für die erwarteten Menschenmassen ausreichend gewesen. Beim „Prozessmanagement“ vor Ort habe es jedoch offenbar „Störungen“ gegeben. So sei vor allem die Rampe vom Tunnel zum Gelände „ein Problem“ gewesen. Zudem sei verabredet gewesen, den Tunnel zu sperren, wenn der Andrang an dem zentralen Zugang zu stark wird. Schreckenberg, der an der Universität Duisburg-Essen lehrt, hatte das Sicherheitskonzept vor der Loveparade geprüft, sich nach eigenen Angaben aber die Gegebenheiten vor Ort nicht angeschaut. Für das Krisenmanagement seien ausschließlich die Veranstalter verantwortlich, betonte er.

Marek Lieberberg, einer der größten deutschen Konzertveranstalter, wunderte sich in einem SWR3-Interview, welcher „Wahnsinnige“ diese Veranstaltung unter diesen Umständen genehmigt hätte. Laut Pressemeldungen soll die Genehmigung übrigens erst zwei Tage vor der Parade ergangen worden sein und lediglich zwei Seiten umfasst haben.

Anmerkung von Rechtsanwalt Thomas Waetke:

Zunächst einmal: Natürlich überschlagen sich jetzt die Ereignisse und Schuldzuweisungen. Es geht immerhin darum, wer für für 19 Tote und hunderte Verletzte verantwortlich ist. Aber eine Vorverurteilung von Stadt der Veranstalter ist wenig hilfreich: Natürlich ist die (berechtigte) Frage zu klären, ob einer Veranstalter damit rechnen muss, dass Besucher aus einem Tunnel versuchen, die Wand oder Seitenböschung hochzuklettern (UPDATE: siehe aber die neuen gerichtsmedizinischen Erkenntnisse in unseren News hier)- sei es um der Überfüllung zu entkommen oder früher auf die Veranstaltung zu gelangen. Schließlich kann der Veranstalter nicht für jedes Fehlverhalten eines Besuchers verantwortlich gemacht werden. Zugegeben gibt es allerdings derzeit einige Hinweise darauf, dass die Stadt und der Veranstalter jedenfalls moralisch mitverantwortlich sind. Ob sie auch juristisch dafür einzustehen haben, wird noch zu klären sein.