News + Aktuelles

aus dem Eventrecht

Kanye West nimmt Fans in Sippenhaft

Von Thomas Waetke 21. Dezember 2011

Auf einem Konzert des Rappers Kanye West in Washington (USA) warf ein Besucher Visitenkarten auf die Bühne. Kanye West erklärte dem Publikum, dass er gesehen habe, aus welchem Besucherbereich die Karten geworden worden seien, und dass alle Besucher aus diesem Bereich das Konzert verlassen müssten, wenn der Werfer nicht freiwillig rausgehen würde.

Dem war dann auch so, der Besucher verließ schließlich das Konzert. Als Grund gab Kanye West an, dass er auf der Bühne sein Leben riskiere und keine Lust habe, auf den Karten auszurutschen.

Anmerkung von RechtsnwaltThomas Waetke:

Schauen wir uns mal an, was juristisch passiert ist (nach deutschem Recht):

1.) Gegenüber den Besuchern

Die Besucher schließen mit dem Veranstalter einen Vertrag über den Besuch des Konzerts. Allein aus diesem Grund ist schon fraglich, ob der Künstler überhaupt in diesen Vertrag eingreifen kann – denn der Rausschmiss ist ja letztlich nichts anderes wie die Auflösung dieses Vertrages (z.B. durch Kündigung). Den Vertrag beenden können aber nur die Vertragsparteien.

Abgesehen davon gäbe es gar keinen rechtlichen Grund, den Vertrag mit mehreren Besuchern zu kündigen, nur weil sie zufällig im selben Block stehen wie der Visitenkartenwerfer.

Wenn man die rechtliche Frage außen vor lässt, stellt sich auch die Frage, ob es sonderlich schlau ist, einen Fanblock unter Druck zu setzen, nur um an einen Visitenkartenwerfer heranzukommen. Immerhin setzt der Künstler damit den (vermeintlichen) „Werfer“ der Gefahr aus, von den anderen Fans drangsaliert zu werden, weil diese Angst vor einem Rausschmiss haben.

Außerdem: Wie hätte er wohl den Sippenhaft-Rausschmiss dutzender Fans durchsetzen wollen?

2.) Gegenüber dem Werfer

Auch gegenüber dem Werfer besteht das Problem, dass der Künstler nicht ohne Weiteres den zwischen Veranstalter und Besucher geschlossenen Vertrag kündigen kann. Aber nehmen wir einmal an, dass diese rechtliche Hürde genommen werden kann (es gäbe da durchaus verschiedene rechtliche Konstruktionen), dann ist fraglich, ob der Visitenkartenwurf derart erheblich ist, einen Rausschmiss zu rechtfertigen.

Auf einem Video (das nach deutschem Recht gar nicht hätte erstellt und gar nicht ins Internet hätte gestellt werden dürfen) ist zu sehen, dass tatsächlich Karten auf die Bühne fliegen, die aber auf einer überschaubaren kleinen Fläche der Bühne liegen bleiben. Ob eine derart „kleine Rechtsverletzung“ eine Vertragsbeendigung rechtfertigt, ist fraglich.