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119/17 Ist die Branche verlogen?

119/17 Ist die Branche verlogen?

by 16. Mai 2017

Berater und Unternehmen, die sich auf einen speziellen Bereich ausgerichtet haben, neigen naturgemäß gerne dazu, „ihren“ Bereich besonders wichtig zu nehmen. Das ist irgendwo normal, denn hier kennt man sich aus und weiß um die Gefahren und Risiken, die eben andere nicht (er-)kennen.

Ein paar Beispiele, was ich mit „Bereich“ meine: Veranstaltungstechnik, Veranstaltungssicherheit, Eventrecht, Eventmanagement, Marketing usw. Das bedeutet, dass bspw. der Veranstaltungstechniker „seinen“ Bereich natürlich als Nummer 1 ansieht und nicht verstehen kann, wenn ein Eventmanager die Technik als nicht so ganz wichtig ansieht.

Luft und Liebe…?

Da man von Luft und Liebe auch nicht leben kann, hinterfragt nicht jeder Spezialist hinreichend (selbst-)kritisch, ob sein Kunde wirklich auch all das benötigt, was man ihm anbietet – manchmal auch „aufschwätzt“. Da wird also dem Kunden „gerne“ mal etwas verkauft, was ihm entweder gar nichts bringt, oder was ihm nicht nur zusätzliche Kosten beschert sondern ggf. sogar noch ein zusätzliches ungewolltes Risiko (denn denkt der Berater so weit, dass zusätzliche Aktionen ggf. eine zusätzliche Haftung hervorrufen können?!?).

Und nicht immer erkennt man oder will sich eingestehen, dass man für manche Anfragen bzw. Aufträge ggf. gar nicht der Richtige ist oder gar nicht über das notwendige Fachwissen verfügt.

Zwischenfrage: Wer entdeckt sich hier wieder…? Wenn man mal ehrlich ist…?

Tricksen, täuschen, tarnen

Andere Bereiche, in denen man nicht so beheimatet ist, werden oft ausgeblendet: Entweder weil man diese nicht für „sooo wichtig“ hält oder weil man keine Ahnung davon hat – oder beides: Denn während man für seinen Bereich die Wichtigkeit erkannt hat, fehlt diese Erkenntnis denn auch bei fremden Bereichen.

Etwas bizarr mutet an, wenn der Berater/Anbieter von seinen Kunden die umfassende Beachtung (und Bezahlung) seines Schwerpunktbereichs erwartet, er aber selbst dann in anderen Dingen macht, was er will – bzw. was er für richtig hält.

Letztlich ist das wie Selbstjustiz, wenn er für sich entscheidet, was gut für ihn und andere ist.

Ein paar Beispiele, die ich immer wieder feststelle:

  • Der Berater beschäftigt „Freie Mitarbeiter“, obwohl sie eigentlich scheinselbständig sind. Warum macht er das? Weil er Geld sparen will und es ggf. auch nicht „sooo schlimm“ findet.
  • Der Berater verschickt massenhaft Spammail und trägt jeden Kunden in seinen Newsletterverteiler ein, obwohl der gar nicht zugestimmt hat. Warum? Man will ja Werbung machen.
  • Der Berater verwendet in seinen Vorträgen auf Fachkongressen fremde Fotos, die er im Internet gefunden hat, und hübscht damit seine Präsentation auf – er hat aber „vergessen“, die Zustimmung des Urhebers einzuholen. Warum? Das kostet dann ja Geld, und man hat das Bild ja nicht körperlich „weggenommen“, und außerdem soll die Präsentation ja aufgelockert  rüberkommen.
  • Der Berater redet über Sachen, von denen er keine Ahnung hat oder von denen er nicht gesichert weiß, dass sie „richtig“ sind – stellt das aber beim Kunden nicht deutlich klar.
  • Der Berater verspricht die Einhaltung aller Vorschriften…

Da kommen dann oft ausreden: Es geht ja gar nicht anders; man kann eh nicht alle Gesetze einhalten; es ist ja nicht so schlimm; es gibt Wichtigeres…

Die Gesetze gelten für andere?

Für bedenklich halte ich die weit verbreitete und gelehrte (!) Auffassung, dass man sich „ohnehin nicht an alle Gesetze halten“ könne. Warum denn nicht? Es erfordert halt Mühe und Aufwand, aber die Gesetze sind ja nicht zuim Spaß da.

Schließlich erhebt sich derjenige, der selbst ihm gefällige und weniger gefällige Vorschriften sortiert, über das Wohl der anderen – ggf. eben seiner Vertragspartner: Man wählt selbst aus, an welche Gesetze man sich halten will, und an welche nicht.

Wenn man im Straßenverkehr geblitzt wird, passiert etwas Interessantes: Man regt sich nicht etwa darüber auf, dass man zu schnell gefahren ist, sondern dass die idiotische Stadt einen idiotischen Angestellten hat der zur denkbar dümmsten Zeit am unnötigsten Ort den Blitzer aufgestellt hat – die sollen doch woanders blitzen wo es nötiger ist.

Aber: Es war ja offenbar nötig, genau heute und genau hier zu blitzen, sonst hätte man ja jetzt kein Foto von sich selbst…

Bis hierher ist es kein spezifisches „Problem“ der Branche, sondern branchenübergreifend weit verbreitet.

Allerdings muss sich auch die Eventbranche die Frage stellen, warum man einerseits gewisse Aus- oder Fortbildungen hochlobt, die nicht mal im Ansatz das leisten, was sie leisten müssten. Wenn man bedenkt, dass Schülerinnen und Schüler oder Studierende nach einem 2- oder 3-jährigen Studium oder Ausbildung den Unterschied zwischen 7% und 19% Umsatzsteuer nicht kennen, mögen das fachliche Defizite sein. Wenn sie aber Schutzgesetze (Arbeitszeitgesetz), die eigentlich auch ihre Gesundheit betreffen, mit einem Lächeln abtun, weil sie es aus ihrer Ausbildung nicht anders kennen und auch Lehrer hier eher lax damit umgehen, dann hört der Spaß sprichwörtlich auf.

Selbst für kriminelle Handlungen ist man sich nicht zu schade, beruft man sich doch auf „Das machen ja alle so“, ein paar gängige Beispiele:

  • Der Dienstleister lässt den Azubi arbeiten, rechnet beim Kunden aber einen Vollzeitangestellten ab – der Azubi bekommt aber nur den Azubilohn – so werden letztlich Kunde und Azubi betrogen.
  • Man empfiehlt dem Kunden einen bestimmten Dienstleister, und bekommt von diesem „dafür“ einen Vorteil, z.B. einen Rabatt, eine Kick-Back-Provision… aber der Kunde weiß davon nichts und finanziert diesen Vorteil verdeckt mit.
  • Der Arbeitgeber verstößt hartnäckig gegen das Arbeitszeitgesetz… (das ist eine Straftat!)
  • Dem Minijobber oder Azubi werden Rechte wie Urlaubsansprüche u.a. vorenthalten – es ist ja nur ein Minijobber.
  • In der Werbung werden Qualifikationen und Referenzen vorgegaukelt: Da werden, damit man größer und kompetenter erscheint, Sub-Sub-Sub-Subunternehmeraufträge so dargestellt, als ob man der Generalunternehmer gewesen sei.

Auch das ist alles nicht wirklich branchenspezifisch. Aber ein ehrlicherer Umgang mit dem Kunden und eine stärkere Orientierung an Vorschriften stünde jeder Branche ganz gut, auch der Eventbranche.

Urheberangabe für das/die Foto(s) (Symbolfoto):

  • Teufel und Engel als Schatten: © shepherd302 - Fotolia.com