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Interview mit Helmut Gels vom Deutschen Schaustellerverbund

Interview mit Helmut Gels vom Deutschen Schaustellerverbund

Von Thomas Waetke 7. April 2011

„Sicherheit auf Deutschen Volksfesten muss höchste Priorität haben“, so Helmut Gels, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerverbunds e.V. im Interview mit EVENTFAQ.

Der Deutsche Schaustellerbund e.V. (DSB) mit Sitz in Berlin ist die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe und die Freizeitparks in Deutschland. Der DSB hat die Aufgabe, die rechtliche und wirtschaftliche Lage des Gewerbes zu sichern und zu verbessern. Dazu gehört in erster Linie die Erhaltung und Förderung der traditionellen Jahrmärkte, Kirmessen, Volksfeste und Weihnachtsmärkte.

Am 13. Januar 1950 von zwölf Schaustellerverbänden gegründet, zählt der DSB heute über 4.200 Vollmitgliedschaften aus 92 eigenständigen Schaustellervereinen. Der Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen e.V. (VDFU), der die Freizeit- und Erlebnisparks vertritt, ist ebenfalls Mitglied, so dass insgesamt rund 90 Prozent aller hauptberuflichen Freizeit- und Vergnügungsexperten im DSB organisiert sind.

Wir sprachen mit Helmut Gels, dem Hauptgeschäftsführer des DSB e.V.

eventfaq: Herr Gels, Sie stehen dem Deutschen Schaustellerverbund vor. Was unterscheidet den Schausteller vom Veranstalter eines Musikkonzertes?

Gels: Da gibt es elementare Unterschiede: Vielschichtigkeit der Veranstaltungen/Partner, es gibt einen anderen Anspruch und einen traditionellen, kulturellen und sozialen Hintergrund.

evenfaq: Welche Aspekte halten Sie für wichtig, damit eine Veranstaltung, egal ob Musikkonzert oder Volksfest, „sicher“ ist?

Gels: Wichtig für das „sichere“ Volksfest ist die Absprache und Abstimmung mit allen relevanten Sicherheitseinrichtungen, konkrete und konstruktive Vorplanung der Sicherheitslagen, Einbeziehung der Vertragspartner in das Konzept und der Durchführung von Anfang an.

Bei Volksfesten müssen insbesondere die entsprechenden Fahrgeschäfte in allen sicherheitsrelevanten Teilen auf dem neuesten Stand der Technik sein. Die permanenten Kontrollen und Nachweispflichten der Betreiber zur Sicherstellung der jeweiligen Sicherheitsanforderungen garantieren dem Nutzer ein Höchstmaß an Sicherheit.

eventfaq: Gesetzliche Vorschriften finden sich über eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen verstreut, zu manchen Bereichen gibt es keine Vorschriften. Braucht Deutschland ein „Veranstaltungsgesetz“ nach dem Vorbild Österreichs?

Gels: Das ist nicht notwendig. Wir haben das in Form von einschlägigen Bauvorschriften und gewerberechtlichen Vorgaben. Da ist alles pragmatisch ausreichend abschließend geregelt. Die Eigenverantwortlichkeit ist ein tragendes bewährtes Element in diesen Zusammenhang.

eventfaq: Bewachungsunternehmen, Immobilienmakler oder Pfandleiher benötigen nach der Gewerbeordnung eine Erlaubnis der zuständigen Behörde für die Ausübung ihres Gewerbes. Veranstaltungen kann jeder ohne Ausbildung und ohne Prüfung durchführen. Was spricht dagegen, dass auch ein Veranstalter nur mit Erlaubnis der zuständigen Behörde Veranstaltungen ausrichten darf?

Gels: Faktisch benötigt jeder Veranstalter, der einen bestimmten privaten Rahmen übersteigt, eine öffentlich-rechtliche Genehmigung. Damit besteht zumindest mittelbar eine Erlaubnispflicht. Das ist  meiner Ansicht nach ausreichend geregelt. Je größer der Veranstaltungsrahmen desto höher auch die formalen Anforderungen.

eventfaq: Es gibt eine gesetzliche Pflicht für Schausteller, eine Haftpflichtversicherung abzuschließen (siehe die Schaustellerhaftpflichtverordnung). Sind Ihre Mitglieder gegenüber einem Veranstalter von Musikkonzerten usw. nicht benachteiligt, weil der keine Versicherung abschließen muss (sondern freiwillig darf)?

Gels: Nein, ich sehe keine Benachteiligung für unsere Mitglieder. Bei der Führung ihrer Firma (egal ob Einzelfirma, GmbH oder AG) unterliegen sie als Unternehmer vielfältigen Haftungsrisiken.

Eine Haftpflichtversicherung setzt genau hier an und gibt ihnen selber, aber auch den Kunden damit ein hohes Maß an Sicherheit und optimalen Schutz. Auch das macht unter anderem den qualitativ hohen Wert der Veranstaltung aus.

eventfaq: Im letzten Jahr kam es zu der schrecklichen Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg mit 21 Toten und über 500 Verletzten, die teilweise noch heute medizinisch behandelt werden. Was hat sich seitdem für Sie bzw. Ihre Mitglieder verändert?

Gels: Für unsere Mitglieder hat sich gar nichts verändert. Diese Veranstaltung ist mit Volksfest-veranstaltungen nicht vergleichbar. Volksfeste berücksichtigen schon seit Jahrzehnten ein Höchstmaß an Sicherheit. Wichtig ist, die Vorfälle zu hinterfragen und eventuell neue Erkenntnisse, die auch den eigenen Bereich tangieren können, aufzunehmen. Für das Schaustellergewerbe bzw. die Volksfeste sind keine Veränderungen erforderlich. Bloßer Aktionismus ist nicht angebracht und auch nicht hilfreich, im Gegenteil.

eventfaq: Wir zitieren eine Pressemeldung: „Der Deutsche Schaustellerbund warnt vor Übertreibungen in Sachen Sicherheit bei Weihnachtsmärkten und Volksfesten. „Dies ist ein Appell, nicht in Aktionismus zu verfallen“, sagte Schaustellerpräsident Albert Ritter“. Zugegeben, wir haben das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen. Aber was kann man beim Thema Sicherheit denn übertreiben?

Gels: Dass vor lauter Sicherheit – insbesondere zum Zwecke der Absicherung der eigenen Verantwortlichkeit – der Veranstaltungszweck selbst nicht mehr erreicht werden kann.

Zum Beispiel durch Überreaktion, außer Acht lassen der Voraussetzungen und Gegebenheiten vor Ort, durch Sicherheitsanforderungen, die im Raum stehen, aber faktisch keine Bedeutung und Notwenigkeit aufweisen.

eventfaq: Ein paar schausteller-spezifische Fragen: Wer erarbeitet bei einem Volksfest eigentlich das Sicherheitskonzept?

Gels: Der Veranstalter mit allen Sicherheitsstellen und verantwortlichen Behörden.

eventfaq: Wer trägt die Kosten für die Erstellung und Umsetzung dieses Sicherheitskonzepts?

Gels: Die Schausteller über die Zulassungsgebühren (Kostenverlagerung).

eventfaq: Wie erfährt der einzelne Schausteller von den Sicherheitsmaßnahmen?

Gels: Aus Abstimmungsgesprächen mit Veranstaltern, da ein gutes und funktionierendes Sicherheitskonzept immer auch die unmittelbare Einbindung aller Beteiligten von Anfang an erfordert.

eventfaq: Wie gehen Sie als Verband mit einem Schausteller um, der sich nicht an das Sicherheitskonzept hält? Können Sie auf solche „Ausreißer“ Einfluss nehmen (auch wenn er kein Mitglied in Ihrem Verband ist)?

Gels: Sicherheit ist ein unabdingbarer Schwerpunkt der Veranstalter und aller Beteiligter und somit auch für uns. Sie ist nicht verhandelbar. Da gibt es auch keine Kompromisse. Im Zusammenspiel mit örtlichem Verband und Veranstalter haben wir als Dachverband sicherlich Einfluss. Sollte sich jemand nicht an das Sicherheitskonzept halten, heißt das Ausschluss von der Veranstaltung.

Die Einflussnahme auf Nicht-Mitglieder ist natürlich etwas schwieriger. Durch die gute Zusammenarbeit mit Veranstaltern lässt sich aber auch da etwas machen. Im Ergebnis gehe ich aber davon aus, dass sich schon aus Eigenschutz jeder an die Sicherheitsanforderungen halten wird.

eventfaq: Können Sie uns verraten, wie hoch der prozentuale Anteil der Kosten für den Bereich Sicherheit bei einem durchschnittlichen Volksfest ist?

Gels: Dafür brauche ich nähere Angaben. Die Kosten für den Bereich Sicherheit  werden immer höher und sind abhängig von der jeweiligen Veranstaltung (Größe, Struktur) und zusätzlichen konkreten Vorgaben vor Ort etc.

eventfaq: Wir zitieren Sie aus Ihrer eigenen Pressemitteilung: „Wir sammeln jedes Mal Erfahrungen und setzen die neuen Erkenntnisse gleich bei der nächsten Gelegenheit um.“ Wer erfährt diese Erkenntnisse? Werden diese auch an Polizeibehörden usw. weitergegeben?

Gels: Wir sind in den maßgeblichen Gremien wie z.B. im Arbeitskreis Fliegende Bauten, wo Problemfälle besprochen und eingebracht werden, beteiligt. Wir stehen auch im regelmäßigem Austausch mit den Veranstaltern nach Veranstaltungen. Die Erfahrungen, mit denen wir täglich konfrontiert werden, geben wir an entsprechende Verantwortliche weiter. Soweit die Erfahrungen aus der Zusammenarbeit auch für die Polizeibehörden wichtig sein können, werden diese selbstverständlich einbezogen.

eventfaq: Wie können wir uns die Hintergründe einer „Kirmes“ vorstellen? Wer ist Veranstalter? Welche Rolle spielen die einzelnen Schausteller?

Gels: Der Veranstalter einer Kirmes sind oft Städte/Gemeinden oder Privatveranstalter. Das können neben städtischen privaten Gesellschaften auch die Schaustellerverbände aber auch sonstige Privatpersonen und Vereine sein.

Die Schausteller sind Beschicker und erfüllen die Veranstaltung mit Leben.

eventfaq: Sie als Privatperson, und nicht als Geschäftsführer – was erwarten Sie von dem Veranstalter, dessen Veranstaltung Sie besuchen?

Gels: Ich möchte mich in der Veranstaltung wiederfinden und mich entspannt und sorgenfrei auf die Veranstaltung einlassen können. Ich brauche hier ja nicht noch mal zu erwähnen, dass mir hierbei die Sicherheit auf Volksfesten auch als Privatperson sehr am Herzen liegt.

eventfaq: Können sich auch Auszubildende im Eventmanagement bei Schaustellern oder Ihrem Verband auf einen Arbeitsplatz oder Praktikumsplatz bewerben?

Gels: Wir entwickeln gerade die Voraussetzungen für eine Ausbildung im Eventmanagement bei Schaustellern. Für ein Praktikum im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Marketing haben wir gerade eine Vakanz.

eventfaq: Welche Wünsche oder Empfehlungen geben Sie den derzeitigen Studierenden und Schülern im Eventmanagement auf den Weg?

Gels: Studierende und Schüler im Eventmanagement sollten sich auch mit Vertretern des Gewerbes und entsprechenden Veranstaltungen vor der praktischen Ausbildung auseinandersetzen.

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