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193/17 Heute vor 7 Jahren. Was haben wir gelernt?

193/17 Heute vor 7 Jahren. Was haben wir gelernt?

by 24. Juli 2017

Am 24.07.2010 starben 21 Menschen auf der Loveparade in Duisburg, mehr als 650 Personen wurden verletzt, als es zu einem Gedränge am Zu- und Abgang zum Festivalgelände kommt.

Heute, 7 Jahre später, gibt es in Duisburg eine Gedenkveranstaltung.

Ein paar Zivilprozesse sind sogar schon beendet oder laufen noch, die Strafverfahren gegen mehrere Angeklagte (Mitarbeiter des Veranstalters und der Stadt) beginnen im Dezember 2017.

Ich kann mich noch an die ersten Pressemeldungen an diesem Tag vor 7 Jahren erinnern, und es hat eine Zeit gedauert, bis man das Ausmaß der Katastrophe verstanden hatte. Noch heute leiden viele Menschen körperlich und seelisch. Die Aufarbeitung steht noch aus. Ob es mit dem Strafprozess zu einer Aufarbeitung kommen wird, bleibt fraglich.

Was hat sich seitdem getan?

Eine neue Berater-Branche.

Es hat sich eine Branche entwickelt, die Veranstaltungssicherheit verkauft: Beratungen, Berechnungen, Empfehlungen, Sicherheitskonzepte…

Hier stellt sich dann für Verantwortliche die Frage: Woran erkennt man den „guten“ Berater? Wer will mir nur unnötige Sachen verkaufen?

Es gibt keine einheitliche bzw. anerkannte Ausbildung konkret für die Prüfung bzw. Erstellung von Sicherheitskonzepten. Jeder kann und darf Sicherheitskonzepte erstellen, auch der Veranstalter selbst.

Es gibt viele neue Anbieter mit Seminaren und Fortbildungen auf dem Markt. In einigen Bundesländern wurden Leitfäden erstellt, zumeist zielt man damit auf die Sicherheit bei Großveranstaltungen. Und es gibt eine Vielzahl von Arbeitsgruppen und auch Forschungsprojekten.

Beispielhafte Beiträge dazu:

Unwissen & Unsicherheit.

So richtig wissen wir heute immer noch nicht, wann eine Veranstaltung „sicher“ ist – und zwar so ausreichend sicher, dass man es damit weder über- noch untertreibt.

Veranstalter fühlen sich gegängelt, wenn die Genehmigungsbehörde Auflagen erlässt, die man selbst für unnötig hält.

Vielfach sind auch die rechtlichen Besonderheiten nicht klar, Regelwerke unbekannt oder unverständlich.

Und allzu oft nehmen sich Verantwortliche dann selbst das Recht heraus, zu entscheiden, welche Vorschrift wichtig ist und welche nicht – oder welche Vorschrift „kompensiert“ werden kann durch andere Maßnahmen – denn genauso oft eben wird alles einem Ziel untergeordnet: Die Veranstaltung muss stattfinden. So redet man sich denn auch Dinge schön, die eigentlich ein No Go sind.

Beispielhafte Beiträge dazu:

Neue Vorschriften?

Am wenigsten getan hat sich an einer Stelle, die ansonsten oft schnell dabei ist, nach einer Katastrophe aktiv zu werden: Der Gesetzgeber. Bis heute gibt es keine sonderliche Reaktion des Gesetzgebers auf diese Katastrophe. Im Gegenteil: In manchen Bundesländern hat man den Anwendungsbereich der Versammlungsstättenverordnung so verändert, dass derartige Großveranstaltungen nicht mehr unter die Verordnung fallen. Für diese Großveranstaltungen gibt es aber bislang kein vergleichbares Regelwerk, auf das nun die Genehmigungsbehörden zugreifen könnten.

Beispielhafte Beiträge dazu:

Immerhin: Seit der Katastrophe auf der Loveparade haben viele angefangen, über das Thema nachzudenken und sich mit Fragen der Besuchersicherheit auseinanderzusetzen. Es gibt letztlich dann doch einige neue Erkenntnisse, Erfahrungen und Ergebnisse. Diese gilt es nun, auch umzusetzen und weiter zu entwickeln.

Die Bedeutung von der Verantwortung, die ein Veranstalter für seine Gäste hat, ist aber m.E. noch immer nicht jedem klar. Allzu oft erlebe ich es, dass der Funfaktor, eine schöne Dekoration oder eine besondere Location einen höheren Stellenwert einnehmen als die Sicherheit und Gesundheit von Besuchern und Beschäftigten.

Kostendruck, Zeitdruck, Unwissenheit und vieles mehr verdrängen dann die Sicherheit und man redet sich ein, dass es schon gut gehen würde. Es ist ja nur eine kleine Veranstaltung; man hat ja alles im Griff; man hat ja alles zigmal schon gemacht; es ist noch nie etwas passiert…

Urheberangabe für das/die Foto(s) (Symbolfoto):

  • schlechtes in gutes wandeln: © vege - Fotolia.com