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aus dem Eventrecht

Gedanken zur Loveparade 2010

Von Thomas Waetke 27. Mai 2013

Das Gutachten des englischen Professors Keith Still hat den Veranstaltern der Loveparade 2010 und der Stadt Duisburg ein vernichtendes Urteil ausgestellt: Es war nach seiner Meinung schon gar nicht möglich, diese Veranstaltung ohne Schaden zu durchstehen (siehe unseren Beitrag hier).

Zunächst: Nur weil ein Gutachter diese Meinung hat, sind die Beschuldigten deswegen nicht verurteilt. Wenn Anklage erhoben werden würde, müsste ein Gericht auch erst einmal dieser Meinung folgen. Außerdem müsste es bewerten, ob tatsächlich die Katastrophe derart vorhersehbar war, wie der Gutachter meint. Auch die Anwälte der Angeklagten werden das Gutachten auseinanderpflücken – bekanntlich gibt es zu jedem Problem verschiedene Meinungen.

Aber: Das Gutachten zeigt zumindest mit unverhohlener Klarheit in eine bestimmte Richtung und wirft den Verantwortlichen eklatantes Versagen vor.

Wir unterstellen nun einmal, dass tatsächlich einfachste Berechnungen hätten aufzeigen können und müssen, dass die Veranstaltung zu groß war für Duisburg bzw. konkret für diese Location.

Nun, diese Art von Überlegungen bzw. Berechnungen sind ja nicht neu. Bei allen Vorschriften, Gesetzen oder Berechnungsmodellen gibt es einen ganz erheblichen Schwachpunkt: Der Mensch, der die Vorschriften umsetzen und die Berechnungen durchführen soll.

  • Er muss erst einmal die Vorschrift erkennen bzw. die Methoden kennen.
  • Dann muss er ein Interesse oder ein Motiv haben, diese auch anzuwenden und umzusetzen.
  • Dann darf er sich nicht von ignoranten Besserwissern beirren lassen: „Es ist noch nie was passiert“, „das wäre ja noch schöner“, „das hat es noch nie gegeben“, „ich mache das schon seit 20 Jahren so“, „das ist ja nur eine kleine Veranstaltung“ und ähnlich schlaue Sprüche.
  • Dann muss er die Vorschriften und Methoden auch gegen etwaige Widerstände in den eigenen Reihen durchsetzen.
  • Schließlich muss er die Umsetzung auch finanzieren können und wollen.

Ich kenne eine Reihe von Veranstaltern und Veranstaltungen, wo es an mindestens einer dieser Voraussetzungen mangelt. Oft beklagt sich der Projektleiter, dass seinen Vorgesetzten diese Fragen schlicht egal sind und auf billige und rasche Planung der Veranstaltung pochen. Nach der Loveparade 2010 hat sich einiges getan, viele Verantwortliche haben zumindest auch einmal über das Thema Sicherheit nachgedacht und sich damit auseinandergesetzt, und verschiedene Initativen gehen das Thema nunmehr auch wissenschaftlich an. Und trotzdem begegnet man noch immer erstaunlich vielen Verantwortlichen, für die das Thema Sicherheit eher ein nerviger Störfaktor ist, der nur Geld und Zeit kostet.

Die Gesellschaft muss ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Veranstaltungen nicht nur Spaß, Fun und Action sind. Sprücheklopfer und oben besagte ignorante Besser- wisser müssen isoliert werden.

Die Ausbildungsstätten, Ausbildungsschulen und Dozenten müssen ihre Verant- wortung erkennen, die sie den Schülerinnen und Schülern und Azubis weitergeben müssen. Wenn in den Schulfächern die Frage einen Schwerpunkt darstellt, wie man durch gelungene Marketingaktionen (und oftmals ohne Berücksichtigung der maximalen Personenzahl) möglichst viele zahlende Besucher in die Location bekommt, dann müsste ebenso die Frage bearbeitet werden, wie man sie alle wieder heil heraus- bekommt.

Und: Es muss bewusst sein, dass nicht jede Veranstaltung der Veranstaltung wegen stattfinden muss, nur weil sie schon seit mehreren Jahren stattfindet. Wenn die Vorschriften oder die anerkannten Methoden der Veranstaltungssicherheit nicht eingehalten werden können, dann darf es gar keine Diskussionen mehr geben, dass diese Veranstaltung eben nicht stattfindet. Eine gewisse „Marktbereinigung“ hat noch niemandem geschadet.

Leider ist der Mensch oftmals nur in der Lage, aus Fehlern zu lernen. Eine Loveparade II. muss es aber nun wirklich nicht geben, eine sollte reichen.