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ethical white-washing

ethical white-washing

Von Thomas Waetke 21. Mai 2019

Vorschriften einhalten ist mühsam und anstrengend. Die Behauptung “Wenn man alle Vorschriften einhalten wollte, könnte man keine Veranstaltung machen” habe ich schon unzählige Male gehört (was die Behauptung nicht richtiger macht).

Viele Unternehmer interessieren sich schlicht nicht dafür, überhaupt alle Vorschriften einzuhalten. Es werden “sinnvolle” Vorschriften selektiert, und der Rest bleibt unbeachtet nach dem Motto “es passiert ja nichts”. Im Zweifel wird getrickst und schöngeredet, hier Beispiele dazu, die ich regelmäßig höre/erlebe:

  • Im Zusammenhang mit der Arbeitszeit: “Der Kollege arbeitet so gerne bei uns”. Auch ein erstaunlich häufiges Phänomen: Der Arbeitgeber fordert seine Mitarbeiter auf, von den Überstunden immer nur die 1. Stunde aufzuschreiben…
  • Oder bei der Scheinselbständigkeit: “Ja, der ist total frei und kann echt machen was er will” (solange er alles macht, was ich ihm sage…).
  • Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen..

Es wird viel Zeit und Geld investiert in die Show selbst – und das investierte Geld wird oftmals eingespart beim Personal, die dafür haufenweise Überstunden anhäufen oder miserabel bezahlt werden. Tagessätze von 125 Euro für selbständige Techniker bspw. sind keine Seltenheit, wobei der “Tag” dann noch nicht eimmal nach 8 Arbeitsstunden endet.

Der Gesetzgeber widerum ist hier offenbar blind:

  • Auf der einen Seite gibt es immer mehr Vorschriften und Regularien, die der Unternehmer zu beachten hat. Aktuelles Beispiel ist die DSGVO: Nachdem es in der Öffentlichkeit den Aufschrei über die vielen neuen Vorschriften gegeben hat (davon gab es allerdings die meisten auch schon vorher, nur hat sich niemand dafür interessiert!), empörte sich auch die Politik über die vielen Regeln – die sie zuvor selbst im EU-Parlament durchgewunken hat. Unmittelbar vor der Wahl (sic) in Bayern haben bayerische Minister verkündet, dass man Vereine und kleine Unternehmen vor Abmahnungen schützen werde.
  • Auf der anderen Seite versetzt der Gesetzgeber seine Aufsichtsbehörden nicht wirklich in die Lage, auch ernsthaft kontrollieren zu können (ein Schelm, wer Böses dabei denkt).

Letztlich ist der scheinbar Dumme derjenige, der sich an die Regeln hält. Ein auch durchaus nicht seltenes Beispiel aus meiner Beratungspraxis:

Ein Unternehmen sucht eine Eventagentur für die Planung einer Veranstaltung. Die Eventagentur A gibt ein Angebot ab und teilt darin mit, dass man aufgrund der Dauer der Veranstaltung 3 Schichten an Mitarbeitern braucht. Von Seiten des Unternehmens wird das aber nicht gewollt, da die Gefahr besteht, dass durch den Schichtwechsel die Veranstaltung nicht reibungslos laufen würde können. Letzten Endes erhält die Agentur den Auftrag, die am wenigsten “zickt”. Detail am Rande: Das auftraggebende Unternehmen verpflichtet in seinem Vertrag seinen Auftragnehmer, alle Vorschriften auch zum Schutz der Arbeitnehmer einzuhalten und verweist auf seinen Ethik-Kodex…: Ethical white-washing in Reinform.

Der Gesetzgeber verhindert in vielen Fällen, dass ein Unternehmer einen rechtswidrig handelnden Wettbewerber abmahnen darf. Ich persönlich finde eine Abmahnung toll: Denn sie ist meiner Meinung das einzig praktibale Mittel, dass einen rechtswidrig handelnden Unternehmer dazu zwingt, sich rechtskonform zu verhalten. Man sieht es am Beispiel der DSGVO: Die Mehrheit der Unternehmen ist nicht ordentlich aufgestellt, da werden bspw. Datenschutzhinweise irgendwo zusammenkopiert, völlig egal, ob sie inhaltlich richtig sind. Die Aufsichtsbehörden beklagen seit Langem, dass sie zu wenig Personal haben, um Verstöße so ahnden zu können, wie es sein sollte.

Beispiel Arbeitszeit: Viele Azubis arbeiten deutlich länger als erlaubt; die IHKen gehen aber nicht gegen die Ausbildungsbetriebe vor, da man froh ist, überhaupt Ausbildungsbetriebe zu haben (und es sich um Mitglieder handelt). Auch diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.

Ich formuliere es richtig(er): Der Dumme ist nicht nur der, der sich an die Regeln hält, sondern auch der, der sich nicht daran hält und zufälligerweise mal sanktioniert wird.

Der Gesetzgeber plant eine Änderung des Wettbewerbsrechts. Abmahnungen sollen erschwert werden, weil es (angeblich) zu viele missbräuchliche Abmahnungen gibt. Tatsächlich gibt es Unternehmen und Verbände, die eigentlich nur den Zweck verfolgen, Geld mit Abmahnungen zu verdienen. Aber muss man deshalb einem rechtswidrig handelnden Unternehmer gleich eine Art “Freischuss” gewähren?

Übrigens: Es ist möglich, alle Vorschriften einzuhalten und eine Veranstaltung durchzuführen.

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