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aus dem Eventrecht

Duisburg: 19 Tote

Von Thomas Waetke 25. Juli 2010

Mittlerweile sind seit dem gestern gegen 17 Uhr erfolgten Unglück auf der Loveparade in Duisburg bereits 19 Todesopfer und ca. 340 Verletzte zu beklagen.

Im Internet kursieren immer mehr Videos und Fotos von Handy-Aufnahmen der Besucher. Auf einem Video ist dabei zu sehen, wie eine Reihe von Polizisten das eine Ende des Tunnels abriegelt. Mutmaßlich handelt es sich um das Ende vor dem Güterbahnhofplatz, auf dem die Abschlusskundgebung stattfand, während weitere Besuchermassen noch vom anderen Ende des Tunnels drückten.

Auf einem Video, das direkt nach dem Unglück aufgenommen ist, ist auch die zähe Reaktion der Anwesenden zu erkennen: Polizisten versuchen, die Menschen zum Fortgehen zu bewegen, aber keiner geht (bzw. kann weg gehen). Dies behindert einerseits den Rettungsverkehr; andererseits muss man fast froh sein, dass die Masse zäh blieb und nicht eine weitere Panik ausgebrochen ist. Jedoch kann man sehen, dass das gesamte Umfeld bzw. insbesondere der Weg zu und durch den Tunnel völlig unterdimensioniert waren: Wohin hätten die Menschenmassen ausweichen sollen? Die Besucher mussten sogar wieder zurück durch den Tunnel, während Notärzte und Sanitäter die Toten bargen und Schwerstverletzte behandelten und reanimierten – ob es hier Alternativen für die Besucher gab, einen anderen Weg zu gehen, ist unklar.

Auf mehreren Videos/Fotos ist zu sehen, dass im Tunnel selbst und auch davor eine unfassbare Menschenmasse steht und sich bewegt. Es ist nicht zu übersehen, dass über mehrere hundert Meter diese Menschen entweder in einem ummauerten Tunnel feststecken, oder sich in einer Art Kanal befinden, der rechts und links von teilweise sehr steilen Grasböschungen umrandet ist (Beispiel auf stern.de). Es scheint offenkundig, dass die Veranstalter entweder den Besucherandrang völlig unterschätzt hatten bzw. mit solchen Menschenmassen schlicht nicht haben umgehen können.

Wie bild.de heute berichtet, wollten offenbar Ordner Fluchttore öffnen, was sie aber nicht durften. Bild.de veröffentliche auch mehrere Aussagen in Internetforen bereits vor der Loveparade, wie bspw. „„Sehe ich das richtig, dass die versuchen, eine Million Menschen über die einspurige (!) TUNNELSTRASSE (!) Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch zwei kleinen Trampelpfaden hoch zum Veranstaltungsgelände zu führen? Also, in meinen Augen ist das ’ne Falle“.

Wie Spiegel.de berichtet, hatten Polizei und Rettungskräfte Mühe, zu den verunglückten vorzudringen. Ein hochrangiger Kriminalbeamter aus Duisburg hat laut spiegel.de den Eindruck, die Stadt habe die Veranstaltung „aller Sicherheitsbedenken zum Trotz“ durchgeboxt. „Man wollte sich damit unbedingt schmücken. Doch es ist eine Tragödie geworden. Ein Schandfleck.“

Immer mehr Augenzeugen beklagen im Internet und in Interviews das Verhalten der Einsatzkräfte und die mangelnde Vorbereitung des Veranstalters. Natürlich darf man nicht jede „Zeugenaussage“ auf die Goldwaage legen, sondern muss objektiv prüfen, wer verantwortlich ist. Auch darf man nicht voreilig vorverurteilen – auch wenn das zugegeben angesichts der Tatsachen schwer fällt: Denn selbst der Stadt Dusiburg war das Problem zuvor bekannt.

Anmerkung von Rechtsanwalt Thomas Waetke:

Strafrechtlich wird die Staatsanwaltschaft Ermittlungen führen wegen Totschlags und (schwerer) Körperverletzung. Im Visier werden zwangsläufig stehen (aus organisatorischen Gründen, und nicht wegen einer etwa erfolgten Vorverurteilung) der Veranstalter, die Verantwortlichen bei der Stadt Duisburg, Polizei.

Zivilrechtlich können Opfer und Angehörige der Toten ggf. Schadenersatzansprüche und Schmerzensgeldansprüche geltend machen. Dem Verantwortlichen müssen dabei insbesondere…

  • Verschulden (Vorsatz oder Fahrlässigkeit): War der Schaden absichtlich herbeigeführt worden (wohl kaum)? War der Schaden ggf. bedingt vorsätzlich in Kauf genommen worden, bspw. weil man sich sagte „Das wird schon gutgehen“? Oder hat man die „objektive Sorgfalt außer acht gelassen“, also fahrlässig gehandelt?
  • Kausalität (also Ursächlichkeit): War die Handlung bzw. das Unterlassung ursächlich für den eingetretenen Schaden?

… nachgewiesen werden. Wichtig werden dabei auch die vielen im Internet kursierenden Fotos und Videos sein, da diese mehr oder weniger objektiv die tatsächlichen Umstände vor Ort dokumentiert haben.

Insbesondere dürfte zu klären sein, (ob tatsächlich und) warum man wusste, dass das Gelände am Güterbahnhof nur ca. 400.000 bis 500.000 Besuchern Platz bietet, man aber mit ca. 1 Million Besucher gerechnet hatte. Hätte man die Veranstaltung dann überhaupt durchführen können? Waren dafür die aufgestellten 1.200 Polizeibeamte ausreichend? Hatten man angesichts dieser Erkenntnisse tatsächlich ausreichend Sicherheitsvorkehrungen getroffen? Aber warum konnten dann unbehindert tausende Menschen in den Tunnel strömen, sogar als bereits der Zugang zum Veranstaltungsgelände wegen Überfüllung abgeriegelt war?