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aus dem Eventrecht

Der Weg in die Katastrophe

Von Thomas Waetke 21. Juli 2013

Die WAZ hat Tonbandmitschnitte des Funkverkehrs während der Loveparade in Duisburg veröffentlicht. Bei einem Film kennt man den Ausgang nicht und hofft auf ein gutes Ende. Das Ende der Loveparade ist eine bekannte Katastrophe.

Man möge sich einmal die Zeit nehmen, sich durch den dargestellten Verlauf durchzulesen und durchzuklicken: Hier.

Fairerweise muss man festhalten, dass man hinterher immer schlauer ist, und wir wollen die Geschehnisse hier auch juristisch gar nicht bewerten. Folgende Punkte kann man aber sicherlich festhalten, die zu einer signifikanten Erhöhung des Risikos beitragen:

  • Veranstaltungen mit vielen Besuchern (Kommunikation und Überblick sind erschwert).
  • Viele Menschen auf verhältnismäßigen wenig Platz mit wenigen Ausweichmöglichkeiten.
  • Großes Gelände mit langen Wegstrecken für Besucher und Rettungskräfte.
  • Hohe Zahl an Einsatzkräften.
  • Unterschiedliche Interessenlagen der beteiligten Verantwortlichen.

Je mehr Menschen funktionieren müssen, um das Gesamtgefüge „Sicherheit“ funktionieren zu lassen, desto größer ist die Gefahr, dass ein Rädchen hakt und dadurch das Gesamtgefüge aus den Fugen geraten kann.

Wenn dann auch die Technik nicht mitspielt bzw. gar nicht vorhanden ist, dann ist die Katastrophe vorprogrammiert.

Bekanntlich gab es vielfältige Kommunikationsprobleme zwischen den Verantwortlichen. Um 16.43 Uhr, wenige Minuten vor der Tragödie, hat es einen Funkspruch gegeben, wonach Lautsprecherdurchsagen im Bereich der Rampe die Besucher informieren sollen. Nur: Es gab im Tunnel und auf der Rampe keine Lautsprecheranlagen.

Vielleicht muss man sich aber auch mit dem Gedanken anfreunden, dass das Unglück niemals umfassend aufgeklärt werden wird. Auch die bevorstehenden Gerichtsverfahren sind nicht zur Aufklärung da; sie sollen die persönliche Schuld der Angeklagten feststellen. Ob sich je ein Zivilverfahren so dezidiert mit den Versäumnissen auseinandersetzen wird, ist ebenfalls fraglich, da es dort auch immer nur um das konkrete Verschulden des einen Beklagten gehen wird. Am Beispiel des Brandes am Düsseldorfer Flughafens sieht man, dass die Justiz irgendwann an ihre Grenzen kommt: Die Gerichte haben zwar festgestellt, dass jede Menge Fehler gemacht wurden, aber dem Einzelnen konnte kein so grober Fehler nachgewiesen werden, der zu einer Verurteilung gereicht hätte. „Verkettung unglücklicher Umstände“ heißt das dann.

Zumindest aber sollten Verantwortliche bei Veranstaltungen Lehren aus dem Unglück ziehen und sich stets in Erinnerung rufen, wie schnell das vielleicht noch Gutgemeinte in einer Katastrophe enden kann. Wenn ich in meinem Seminaren heute noch immer (und gar nicht selten!) höre, ob man denn wirklich immer alles machen müsse, wie anstrengend das alles sei und das man das alles ja kaum leisten könne, und das passiert ja eh nur bei den Mega-Events usw., dann denke ich mir: Wir kapieren es wohl nie.

Die WAZ will jedenfalls weiter recherchieren und unabhängig von der Staatsanwaltschaft prüfen, was passiert ist. Hierzu können sich Zeugen über das anonyme Kontaktformular der WAZ melden.