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83/18 Der Gullydeckel im Loveparade-Prozess

83/18 Der Gullydeckel im Loveparade-Prozess

by 5. April 2018

Aktuell wird bekanntlich vor dem Landgericht Duisburg der Strafprozess rund um die Loveparade-Katastrophe aus 2010 verhandelt. Vergangene Woche hat eine Zeugin zum ominösen Gullydeckel ausgesagt. Sie sei mit einem Fuß in einem auf dem Boden liegenden Absperrgitter hängen geblieben. Sie habe dabei auch gesehen, das unter diesem Absperrgitter ein Gullydeckel in ein Gullyloch halb abgesackt war. Die Zeugin qualifizierte diese Stelle als „eine Stolperfalle erster Güte“.

Dieser kleine Aspekt „Gullydeckel“ scheint bislang in der juristischen Aufarbeitung kaum wahrgenommen worden zu sein:

Eine Bloggerin hat die Kombination aus Gullydeckel und Baumwurzel, die durch einen Bauzaun abgedeckt worden sein soll, mit Fotos dokumentiert. Ihre Schlussfolgerung, diese Stelle sei mitverantwortlich für die Tragödie, sei einmal dahingestellt – dazu gibt es ja jetzt das Strafverfahren. Interessant aber jedenfalls sind ihre Fotoabbildungen. Letztlich hat auch im laufenden Strafprozess niemand diese Stelle, ebenso wenig den Bauzaun, bestritten.

Der Aspekt Gullydeckel/Baumwurzel hat aber jedenfalls bei der Staatsanwaltschaft Duisburg (zumindest anfangs) wenig Interesse erregt; so heißt es in einem Vermerk aus 2011:

„a) Offenbar wurden einige der Opfer auf bzw. direkt neben dem Gitter aufgefunden.

b) Zudem befanden sich auf und neben dem Gitter eine große Anzahl von Schuhen.

c) Das „Menschenknäuel“ bzw. der „Menschenberg“ befand sich auf diesem Gitter zwischen Verkehrsschild und Treppenaufgang.

(…)

h) Die Kanalschachtabdeckung wurde (bei einem Ortstermin am 8. September) sachverständig untersucht und festgestellt, dass die Beschädigung wohl schon seit längerer Zeit bestanden haben müsse.

(…)

j) Keine der tödlich verletzten Opfer wiesen bei nachträglicher Bewertung der Obduktionsergebnisse Verletzungen auf, die sich dem Gitter zuordnen ließen. (…)“

Pikant: Nach einem Pressebericht in der RP will die Polizei den Unglücksort „genauestens untersucht“ haben; dabei soll der defekte Gullydeckel oder die Baumwurzel nicht aufgefallen sein. Allerdings belegen Fotoaufnahmen von der Loveparade, dass es diese Stellen gegeben hat. In Blog von Bluemoonsun gibt es eine Luftbildaufnahme (Foto Nr. 15) aus dem Jahr 2006, das die beiden Stellen zeigen soll.

Rechtliche Bewertung

Eine rechtliche Bewertung konkret in Bezug auf die Loveparade-Katastrophe kann und will ich hier nicht vornehmen.

Aber solche Stolperstellen gibt es bei Veranstaltungen immer: Treppenstufen, Türkanten, Teppiche, Messestände, Bodenunebenheiten…

Allgemein gilt: Sicherheitsmaßnahmen sind zumeist dann entbehrlich, wenn die Gefahrenquelle sozusagen „vor sich selbst warnt“ = wenn sie quasi so offenkundig ist, dass sie sie aufdrängt.Dazu muss aber der durchschnittlich aufmerksame Besucher in der Lage sein, diese Warnung auch erkennen und der Gefahr aus dem Weg gehen zu können. Bspw. bei Dunkelheit oder großem Gedränge ist das ggf. unmöglich.

Wer kann für solche Stolperstellen „zuständig“ sein?

  • Grundsätzlich der Eigentümer, dem das Gelände gehört, er ist insoweit verkehrssicherungspflichtig.
  • Grundsätzlich auch der Veranstalter, der mit der Veranstaltung den Zugang zu dieser Gefahrenquelle schafft.
  • Unter Umständen auch die Genehmigungsbehörde, die (jedenfalls für sie erkennbare) Gefahrenstellen ggf. durch Auflagen begegnen muss.

Es gibt aber auch Stolperstellen, mit denen der Besucher schlicht rechnen muss, z.B.:

  • Unebenheiten auf einer Wiese oder unter freiem Himmel.
  • Unebenheiten in alten Gebäuden (z.B. einer Burg).
  • Treppenabsätze, wenn man eine Etage verlassen möchte.
  • Türabsätze, wenn man durch eine Tür geht.
  • Schmutzfangmatten im Eingangsbereich.

 

Urheberangabe für das/die Foto(s) (Symbolfoto):

  • Gully-Deckel: © ThinMan - Fotolia.com