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76/17 Plätze für Familie eines Rollstuhlfahrers?

76/17 Plätze für Familie eines Rollstuhlfahrers?

by 30. März 2017

In unserem Eventrecht-Seminar heute in Hamburg kam eine interessante Frage auf:

Bei einer Veranstaltung forderte ein Rollstuhlfahrer, für den der Veranstalter besondere Plätze im vorderen Bereich vorgesehen hatte, dass er auch Familienmitglieder dorthin mitnehmen dürfe.

Hat ein Rollstuhlfahrer einen Anspruch darauf, dass der Veranstalter nicht nur Plätze für ihn vorhält, sondern er dann auch seine Familie dorthin mitnehmen darf? Das heißt: wenn der Veranstalter vorne rechts 5 Rollstuhlfahrer-Plätze vorgesehen hat, muss er dann auch dort Plätze für Angehörige vorsehen? Was sich auf den ersten Blick etwas schräg anhören mag, hat aber für einen Rollstuhlfahrer durchaus Bedeutung: Seine Familie sitzt oder steht irgendwo, und er sitzt vorne rechts alleine.

Diskrimierung?

Kann das eine Art von Diskriminierung sein? Meines Erachtens im Ergebnis nicht. Denn: Der Veranstalter müsste ansonsten

  • flexibel eine
  • nicht im Voraus kalkulierbare

Anzahl von Sitz- oder Stehplätzen vorhalten, da er nicht weiß, wieviele Angehörige mitgebracht werden. Das wäre aber für den Veranstalter nicht zumutbar, d.h. die durchaus bestehenden Rechte des Rollstuhlfahrers stoßen hier gegen die Rechte des Veranstalters; und dann dürften die Rechte des Veranstalters überwiegen.

Und: Wo zieht man eine Grenze: Gehört der Schwager, die Tante 3. Grades oder die Schwiegermutter noch zur Familie, die in den freien Bereich mit dürften? Wie soll ein Veranstalter Familienverhältnisse kontrollieren, ohne dann diejenigen Besucher zu benachteiligen, die aufgrund eines weiten Verständnisses von Familie wiederum deren Plätze „wegnehmen“?

Außerdem stellt sich dann die Frage, ob auch blinde Personen vergleichbare Ansprüche hätten.

Information und Unterstützung

Wenn sich ein Veranstalter für die Belange von behinderten Menschen auf seiner Veranstaltung interessiert, kann er hilfreiche und kompetente Ansprechpartner bei den Behindertenbeauftragten finden, die es in den Bundesländern, aber auch vielen Städten und Kommunen, sowie auch in größeren Betrieben gibt. Ich hatte selbst schon Gespräche bspw. mit einem Behindertenbeauftragten eines großen Konzerns, der auf der einen Seite mit vielen „gut-gemeint-falsch-gemacht“-Überlegungen endlich hat einmal aufräumen können, auf der anderen Seite auf für Menschen mit Behinderung wichtige Aspekte hingewiesen, die man selbst noch nie bedacht hatte.

 

Urheberangabe für das/die Foto(s) (Symbolfoto):

  • roter Stuhl unter blauen Stühlen: © photolife2016 - Fotolia.com