Aktuelles

Urteile, Vorfälle, Kommentierungen...
397/16 Glaswand in der Location: Absicherung notwendig?

397/16 Glaswand in der Location: Absicherung notwendig?

by 5. Oktober 2016

In einer Versammlungsstätte finden sich eine Vielzahl von Risiken für den Besucher: Treppen, Ecken, Stufen, Türen, Licht, … Bekanntlich sind Betreiber der Versammlungsstätte und der Veranstalter aber

  • nicht immer
  • nicht für alles

verantwortlich, was passiert.

Dies ist eine Frage der Verkehrssicherungspflicht.

Mehr zu Verkehrssicherungspflichten

Ich beschäftige mich in meinem Alltag viel mit diesem Thema, da Mandanten immer mal wieder mit einer Idee ankommen und eine Einschätzung haben möchten, ob es hierbei besondere Pflichten gibt.

Ein auf den ersten Blick lustiges Beispiel wurde vor dem Landgericht Essen ausgefochten. Die Besucherin einer Tagung rannte in der Tagungsstätte gegen eine Glaswand, dabei ging u.a. ein Zahn zu Bruch. Das einzige, was heil blieb, war die Glaswand.

Das Gericht stellte hier im Ergebnis fest, dass die Besucherin selbst schuld war: Die Glaswand sei als Wand erkennbar gewesen; insbesondere sei angesichts der Gebäudearchitektur, die erkennbar aus viel Glas bestand, auch zu erwarten gewesen, dass sich viel Glas im Gebäude befinde. Die Durchgänge seien aber optisch ausreichend erkennbar gewesen, u.a. durch einen farblichen Rahmen und das Notausgangszeichen über den Türen. Der Veranstalter habe daher nicht damit rechnen müssen, dass Besucher die Glaswände nicht würden wahrnehmen können, so das Gericht.

Etwas seltsam: Das Gericht hatte sogar noch festgestellt, dass der Einsatz der Glaswände einen „barrierefreien Effekt“ erzeugen sollte. Eben: Wenn offenbar dieser Effekt erzeugt werden sollte, ist fraglich, ob der Durchnittsbesucher die scheinbare Barrierefreiheit nicht missverstehen könnte bzw. ob es dann nicht zumutbar gewesen wäre, die Glaswand mit einer Folie zu bekleben – gerade in einem Tagungscenter, in dem Besucher womöglich durch gemeinsame Gespräche abgelenkt sind (auch wenn im Umkehrschluss das Abgelenktsein durch Gespräche nicht dazu führt, dass der Veranstalter die Gesprächsteilnehmer vor Unvorsichtigkeit schützen müsste: Wer sich selbst ablenkt, muss umso vorsichtiger sein; anders könnte es jedenfalls dann sein, wenn der Veranstalter für die Ablenkung sorgt, bspw. durch Musik, Videoscreens usw.).

Das Gericht hat diesen konkreten Fall nun mal so entschieden. Maßgeblich ist der durchschnittlich aufmerksame Besucher: Kann er die Glaswand erkennen? Dabei spielt aber auch immer eine Rolle, inwieweit der Verantwortlich die Glaswand „braucht“: Nicht umsonst sehen manche Landesbauordnungen vor, Glastüren und -wände entsprechend zu markieren (z.B. durch Folien).

Ich selbst hatte mal bei Aufbauarbeiten zu einer Veranstaltung einen schweren Unfall mit mildem „Ausgang“ (im wahrsten Sinne des Wortes) live erlebt, als ein Mitarbeiter mit vollem Tempo gegen eine Glaswand rannte und rücklings auf den Boden knallte. Wir saßen mit Aufbauhelfern wenige Meter neben dran, und hatten uns noch gewundert, warum er nicht die Hand ausstreckt – um damit die Türklinge der zwei Meter nebenan befindlichen Tür zu drücken, um raus zu kommen. Er aber dachte, dass er zwischen den Säulen durchlaufen könne… ich hatte ihn bis dahin immer als „mindestens durchschnittlich“ angesehen, aber bis heute kann sich niemand erklären – er inklusive – warum er gegen die Glasscheibe gerannt ist. Die Folgen: Beule an der Stirn (da ist er gegen gerannt) und Beule am Hinterkopf (da ist er auf den Boden geknallt) und bösartigerweise schallendes Gelächter von uns.

Urheberangabe für das/die Foto(s) (Symbolfoto):

  • Interior of a Congress Palace, hall: © alexandre zveiger - Fotolia.com