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213/10 Eigenverantwortung im Affengehege

by 2. November 2010

Das Landgericht Magdeburg hat die Klage einer Krankenkasse abgewiesen, die von einem Zoo Schadenersatz nach einem Affenbiss haben wollte.

Die Krankenkasse zahlte zuvor Krankenhauskosten einer Zoo-Besucherin, die von einem Affen in den Finger gebissen wurde. Die Besucherin befand sich in einem Freigehege, als ihr ein Affe auf den Kopf sprang, sie sich erschreckte und sich auf den Kopf fasste, der Affe dann umso erschrockener in den herannahenden Finger biss.

Der Affe ist übrigens seitdem flüchtig und wird von der Polizei wegen Köperverletzung gesucht. Hinweise werden an die nächste Polizeidienststelle erbeten :lol:

Das Landgericht hat die Schadenersatzklage abgewiesen, da die Besucherin zu 100% selbst schuld an dem Unfall sei.

Am Eingang zum Freigehege befanden sich mehrere Hinweisschilder mit Texten und Symbolen, bspw.: „Affen sind sehr neugierig, können aber auch empfindlich zubeißen“ oder „Machen Sie keinen Lärm und keine hastigen Bewegungen“ oder „Hände weg! Auch kleine Affen können empfindlich zubeißen“.

Für die Richter am Landgericht hat sich die Besuchern freiwillig in eine für sie erkennbare Gefahrensituation begeben. Wenn sich die Besucherin aber dazu entscheide, das Gehege zu betreten, müsse ihr auch klar sein, dass sie sich möglicherweise selbst gefährde. Sie war verpflichtet, sich an die Verhaltensregeln zu halten und auch in einem vorhersehbaren Überraschungsmoment keine schnellen und hastigen Handbewegungen zu machen. Gegen dieses Gebot habe die Zoobesucherin verstoßen, so das Gericht.

Anmerkung von Rechtsanwalt Thomas Waetke:

Einmal mehr sieht man, dass zwar die Anforderungen an einen Verkehrssicherungspflichtigen (Zoobetreiber, aber auch Veranstalter) sehr hoch sind, aber auch ein Besucher nicht verlangen kann, dass er für Dummheit auch noch Geld bekommt.

Der Verantwortliche darf davon ausgehen, dass sein Besucher ein normal durchschnittlich sorgfältig handelnder Besucher ist – also weder hyperintelligent oder furchtbar dumm.

Hätte es in dem eingangs dargestellten Fall die Hinweisschilder nicht gegeben, hätte das Landgericht mit Sicherheit anders entschieden, da dann ja die Besucherin nicht hätte erkennen können, dass sie sich in Gefahr begibt. Wer sich aber wissentlich und willentlich in Gefahr begibt und dann einen Schaden erleidet, muss diesen im Zweifel selbst tragen. Das hat natürlich seine Grenzen, die in jedem Einzelfall anders sein können.

Grundsätzlich gilt:

  • Je größer die Gefahr (z.B. die Grube ist 50 Meter tief und am Grund mit spitzen Eisendornen bestückt), desto eher muss der Verantwortliche absichern.
  • Je weniger die Gefahr für den durchschnittlich aufmerksamen Außenstehenden bemerkbar ist (z.B. die Grube ist wegen Verdunkelung der Location nicht zu sehen), desto mehr muss der Verantwortliche absichern.

Umgekehrt:

  • Je geringer die Gefahr, desto weniger muss getan werden.
  • Je mehr die Gefahr sichtbar ist, desto geringer sind die Anforderungen an den Verantwortlichen.