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145/13 Sicherheit, nein danke?

Von Thomas Waetke 10. April 2013

Veranstaltungen sind nicht nur lustig und fröhlich und dienen nicht nur der Werbung und dem Profit, sondern sie bergen auch ein Potential an Risiken. Um eine Veranstaltung „sicher“ zu machen, braucht man nicht nur Glück, sondern auch viel Erfahrung und Know-How – und den Willen und die Erkenntnis, sich auch um Sicherheit zu kümmern.

Warum tun sich so viele Veranstalter schwer damit, sich mit gewissen Sicherheitsstandards abzufinden? Warum fällt es so schwer, Sicherheit als wichtig und selbstverständlich zu akzeptieren? Wir wollen dabei nicht unterschlagen, dass es viele Veranstalter und Verantwortliche gibt, die das Thema Sicherheit sehr ernst nehmen und professionell damit umgehen.

Wir haben hierüber mit der Diplom-Psychologin Dr. Susanne Starke und dem Wirtschaftspsychologen Alexander Wrobel gesprochen.

Dr. Susanne Starke ist als freiberufliche Human Factors-Trainerin sowie in der Planspielentwicklung tätig. Sie studierte Psychologie in Bamberg und Nijmegen (NL) und promovierte zum Thema »Führungskultur in High Risk Environments«.
www.susanne-starke.de

Alexander Wrobel ist Veranstaltungskaufmann und Wirtschaftspsychologe. Mit seiner Agentur berät er Veranstalter in Planung und Konzeption und realisiert Corporate Events für Kunden. Social-Media-Beratung sowie Eventforschung und Publikationen stellen weitere Bereiche dar.
www.EventExperience.de

eventfaq: Frau Dr. Starke, warum tun wir uns so schwer mit der Sicherheit?
Dr. Starke: Menschen unterschätzen Risiken oft. Weil bislang nichts passiert ist, wird es auch in Zukunft glattgehen. Diese Tendenz ist einerseits nachvollziehbar – man spart sich so kognitive Ressourcen und muss nicht vor jeder Entscheidung lange nachdenken, sondern tut in vielen Fällen einfach das, was man immer getan hat und was bislang gut gelaufen ist.

eventfaq: Herr Wrobel, Sie beraten selbst auch Veranstalter bei der Konzeptionierung und Planung von Veranstaltungen – was hindert den Veranstalter oftmals praktisch daran, den Sicherheitsanforderungen gerecht zu werden?

Wrobel: Durch Sicherheitsmaßnahmen unterschiedlichster Art sind Kosten (bauliche Anlagen, Personal, Sicherheitskonzepte etc.) verbunden, die letztendlich der Besucher tragen muss. Für den Besucher sind diese Maßnahmen auf der Veranstaltung oft nicht wahrnehmbar und somit nicht im Preis zu rechtfertigen. Nicht nur Kosten, sondern auch eine schnelle Erreichung des Break-even und eine Gewinnmaximierung können maßgeblich für sicherheitsrelevante Entscheidungen sein. Veranstalter schätzen hier Break-Even Point Betrachtung, Gewinnmaximierung, Preisattraktivität für den Besucher und Sicherheit miteinander ab und stehen hier im Zielkonflikt: Wie überall zählt auch hier das Geld, und wenn man noch ein paar Besucher mehr reinlassen kann, die Rettungswegbreiten dann nicht mehr reichen, aber eine Securitykraft gespart wurde, hat man alles richtig gemacht – so jedenfalls denken noch (zu) viele.

eventfaq: Frau Dr. Starke, warum spielt das Geld eine so große Rolle?

Dr. Starke: Menschen haben außerdem die Eigenschaft, oft kurzfristig und linear zu denken. Kurzfristig gedacht, kostet Sicherheit natürlich eine Stange Geld und die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis auftritt, ist in vielen Fällen sehr gering. Wenn es beispielsweise um den Abschluss einer Krankenversicherung geht, so ist es zum einen in Deutschland Pflicht, eine solche abzuschließen, zum anderen ist es auch leicht einzusehen, dass das Risiko irgendwann einmal krank zu werden, ziemlich hoch ist. Auch wenn man die Kosten von Ereignissen mit einer ziemlich geringen Eintrittswahrscheinlichkeit ernsthaft zu berechnen versuchen würde, müsste man zu dem Schluss kommen, dass es billiger ist, jetzt in Sicherheit zu investieren. Es ist aus meiner Sicht zwingend notwendig, sich bei der Planung jeder Veranstaltung mit dem Thema „worst case“ zu befassen – denn der kann nicht nur Menschenleben kosten, sondern außerdem den Ruf und die Existenz des Unternehmens ruinieren.

eventfaq: Herr Wrobel, für den „worst case“ gibt es ja bekanntlich ausreichend Rechtsvorschriften, um ihn zu verhindern?

Wrobel: Die Komplexität der Rechtsgebiete, die auf Veranstaltungen Einfluss nehmen, ist so groß, dass ein Veranstalter ohne Rechtsbeistand schnell die Aktualität und den Überblick verliert. Die Unwissenheit wird meist durch eine Nicht-Akzeptanz von Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien und den damit verbundenen Organen flankiert, da viele Praktiker sich auf ihre Erfahrung verlassen.

eventfaq: … Erfahrung ist ja schon mal nicht das Schlechteste…

Wrobel: Das stimmt, oftmals werden aber diejenigen, die die Einhaltung der Vorschriften überwachen sollen, belächelt bzw. kontrolliert gesteuert. Da heißt es manchmal: „Das machen wir schon immer so und wenn bei der Abnahme alles ok ist, lässt sich das ja anschließend wieder korrigieren“. Sicherheit stellt auch hohe Anforderung an eine funktionierende Kommunikation. In Anbetracht der Vielzahl an Beteiligten bei Veranstaltungen und der oben beschriebenen Nicht-Akzeptanz von Gesetzen und den daran beteiligten Organen wird die Kommunikation zum Balanceakt.

eventfaq: Selbst wenn derjenige, der vom Chef den Auftrag hat, die Veranstaltung zu planen, Wert auf Sicherheit legt – wenn sich der Chef dafür nicht interessiert, wird es heikel. Wie kann ich meinen desinteressierten Vorgesetzten dazu bewegen, das Thema auch ernst zu nehmen?

Dr. Starke: Ideal wäre es, wenn Sicherheit in der Organisation einen hohen Stellenwert hätte und bei jeder Veranstaltung explizit Sicherheitsaspekte diskutiert und eventuelle Sicherheitslücken eruiert und geschlossen würden. Das ist in der Realität leider selten der Fall und Sicherheit wird oft nur unter dem Aspekt „steigende Kosten“ betrachtet. Hilfreich ist es hier meiner Ansicht nach, wenn man den anderen nicht nur auf die Sicherheitslücke, sondern auch auf Konsequenzen, die sich daraus ergeben können, aufmerksam macht. Also, dass man bildhaft die Konsequenzen (für Gäste, für Künstler, für das Ansehen der eigenen Firma, die Sicherheit der Kollegen, …), die folgen können, schildert oder eventuell Fälle, in denen so etwas schon passiert ist oder auch gesetzliche Vorschriften, die hier zutreffen. Sinnvoll ist es bei größeren Problemen sicher auch, wenn mehrere Mitarbeiter gemeinsam über das betreffende Problem mit dem Chef/ der Chefin sprechen – so wird deutlich, dass es sich nicht nur um die Wahrnehmung einer einzelnen Person handelt, deren Bedenken man leichter ignorieren kann.

Wrobel: Sicherheit beinhaltet zudem eine Zeitkomponente, die der Veranstalter in der Planung und bei der Produktion einer Veranstaltung berücksichtigen muss. Die beste Planung nützt nichts, wenn sie am Tag der Veranstaltung nicht umgesetzt und kontrolliert wird, weil Zeitmangel durch Personalnot, andere Prioritäten, Geldmangel etc. droht. Gemäß dem Motto: Hauptsache die Bühne steht und die Technik funktioniert. Da sieht keiner mehr, dass die Rettungswege verstellt sind.

eventfaq: Frau Dr. Starke, Herr Wrobel, vielen Dank!

Weitere Informationen und die Kontaktdaten zu unseren Gesprächspartnern finden Sie auf den Webseiten www.susanne-starke.de (zu Frau Dr. Starke) sowie http://www.eventexperience.de/ (zu Herrn Wrobel).